Chronologie: Von der Idee zum Erinnerungsort

1. Die Arbeitsgruppe: Wiederentdeckung der ehemaligen Stasi Untersuchungshaftanstalt
2. Der Verein: Auf dem Weg zum Erinnerungsort
3. Die Eröffnung und Gestaltung des Erinnerungsortes

1. Die Arbeitsgruppe: Wiederentdeckung der ehemaligen Stasi Untersuchungshaftanstalt

Anfang des Jahres 2006 entstand auf Initiative des damaligen Landtagsabgeordneten Michael Körner eine Arbeitsgruppe interessierter Bürgerinnen und Bürger, die sich die Aufgabe stellte, die Geschichte der ehemaligen Stasi Untersuchungshaftanstalt in der Töpferstraße Neustrelitz nachzuzeichnen und sie dem Vergessen zu entreißen. Nur in groben Zügen wusste man, dass hier politische Gefangene untergebracht worden waren. Von ihnen, ihren Verurteilungen und ihren Schicksalen, war kaum etwas bekannt.
Der Zustand des Hafthauses entsprach nahezu authentisch der Zeit, als die Stasi 1987 das Gebäude verlassen und die Untersuchungshaft nach Neubrandenburg verlagert hatte. Denn in der anschließenden Nutzung durch die Deutsche Volkspolizei, seit der Wende durch die Landespolizei MV und später, gab es kaum bauliche Veränderungen im und am Gebäude. Die verschiedenen Alarmsysteme des Hauses wie Klingeln, Lampen und Leitungen waren genauso sichtbar erhalten wie Spione, Glasbausteine und Türen.
Die Landespolizei verließ das Gebäude Mitte der 1990er-Jahre und verlegte den Sitz der Polizeiinspektion zum Wilhelm-Riefstahl-Platz / Töpferberg. Das Amtsgericht Neustrelitz bezog den Gebäudekomplex 1997; das Hafthaus blieb unbenutzt.
Noch 2006 entstand in Kooperation mit dem Neustrelitzer Gymnasium Carolinum ein Schülerprojekt zur Geschichte des Hafthauses. Dazu wurde ein erster Fachtag durchgeführt mit Berichten ehemaliger Häftlinge, Vorträgen und Rundgängen. Auch am Tag des offenen Denkmals fanden  Vorträge und geführte Rundgänge statt.

2007
Beim Bildungsministerium wurde ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Gefängnisses beantragt und die  Herstellung eines diesbezüglichen Dokumentarfilmes wurde beschlossen.
Der Neustrelitzer Bürgermeister A. Grund plädierte für die Einbeziehung des Gedenkortes in alle städtischen Planungen.
Vor der beabsichtigten Sanierung des Komplexes konnte durch intensive Gespräche erreicht werden, dass bauliche Veränderung am Hafthaus nur nach Rücksprache mit der Initiativgruppe durchgeführt werden.
Am Tag des offenen Denkmals wurden erneut geführte Rundgänge angeboten.  Dreihundert Personen nehmen teil. Auf einer Podiumsdiskussion werden die Ergebnisse mehrerer Projekte von Schülern des Gymnasiums Carolinum vorgestellt. Die Vorstellung eines Nutzungskonzeptes für den Gedenkort nach dem philosophischen Ansatz von Foucault fand große Aufmerksamkeit.

2008
Bildungsminister Tesch und die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit Marianne Birthler besuchten den Gedenkort.
Der Dokumentarfilm von Jörg Herrmann mit dem Titel „Einen Namen hast du da nicht gehabt“, in dem drei ehemalige Häftlinge berichten, wurde erstmals am Tag des offenen Denkmals vor über 300 Besuchern gezeigt. Außerdem hielt Justizministerin Kuder einen Vortrag. Schüler des Gymnasiums Carolinum stellten ihre Überlegungen zur Gestaltung des Zellentraktes erneut vor.

2009
Erste Überlegungen zur Aufstellung einer Gedenk- und Hinweisstele vor dem Gebäude wurden erwogen, denn der Gedenkort soll in das Informationssystem der Stadt eingebunden werden. Der Film „Einen Namen hast du da nicht gehabt“ wurde mehrmals gezeigt. Auch wieder beim Tag des offenen Denkmals, wo neben der Ausstellung eines Häftlingsprojektes der Jugendanstalt Neustrelitz zu Menschenrechten in der DDR auch eine Podiumsdiskussion und geführte Rundgänge stattfanden (etwa 200 Besucher).

2010
Die Planungen zur Sanierung des Gebäudekomplexes wurden konkreter. Bauminister Schlotmann bekräftigte die Bereitschaft, eine Etage des Hafthauses unverändert zu erhalten.
Es gab erste Überlegungen für einen Flyer und eine thematische Bachelorarbeit bzw. Promotion.
Mit dem Gymnasium Carolinum wurde eine langfristige Zusammenarbeit vereinbart. Für das Folgejahr wurden eine Vereinsgründung sowie die Erarbeitung einer Konzeption geplant.

2. Der Verein: Auf dem Weg zum Erinnerungsort

2011
Gründung des Vereins „Erinnerungsort Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR – Töpferstraße e.V.“ Kurzform: „Stasi-Haftanstalt-Töpferstraße e.V.“ am 28. 3. 2011. Schwerpunkt der Vereinsarbeite ist die Nutzungsgeschichte des Hafthauses.
Ein Flyer zur Vereinstätigkeit wurde hergestellt.
Die Welling-Schule baute ein Hafthausmodell.
Der Ist-Stand des Gebäudes wurde in einer Fotodokumentation festgehalten.
Die Aufnahme des Gedenkortes  in den Landesgedenkstättenführer erfolgte.
Zusammen mit Schülern des Carolinum wurde ein Internetauftritt geplant.

Die Havemann-Gesellschaft Berlin stellte ihr Projekt „Polizeigefängnis Keibelstraße“ vor und regte eine weitere Zusammenarbeit an.
Ein Mitglied des Vereins nimmt regelmäßig an den Sitzungen zum Umbau des Gebäudes teil. Mit dem Eigentümer wird eine kostenfreie Nutzung angestrebt.

Im Gespräch mit der Landeszentrale für politische Bildung, Politische Memoriale e.V. und der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen wurden Grundsatzüberlegungen für die weitere Vereinsarbeit erörtert (Nutzungsgeschichte des Hafthauses, Erarbeitung einer Vereinskonzeption, Kooperationen). Für die Konzeptentwicklung wurde ein Antrag bei der Landesbeauftragten gestellt.
Am Tag des offenen Denkmals fanden wieder geführte Rundgänge, die Vorstellung des Schülerprojektes, die Vorführung des Filmes „Einen Namen hast du da nicht gehabt“ sowie ein Vortrag durch den Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen Roland Jahn statt (200 Besucher).

2012
Das „Konzept zur zukünftigen Nutzung der MfS-Untersuchungshaftanstalt Neustrelitz als Gedenk- und Erinnerungsort sowie Ort der historisch-politischen Bildungsarbeit“ wird von den Autoren Dr. Christian Halbrock und Dr. Kathrin Passens vorgestellt und vom Verein beschlossen. Es enthält auch Hinweise auf Zeitzeugen.
Am Tag des offenen Denkmals nehmen wieder mehrere hundert Personen an geführten Rundgänge, Gesprächen sowie der Filmvorführung teil.

2013
Der erste Internetauftritt des Vereins wurde fertig gestellt und freigeschaltet.
Planungen für eine regelmäßige Öffnung des Gedenkortes scheiterten an der Höhe der geforderten Betriebskosten.
Für drei Hinweisstelen vor dem Gebäude wurde der Text entworfen. Sie sollen zum 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution (2014) fertig sein. Dann sollte der Gedenkort offiziell eröffnet werden. Auch für die Blindfenster des Straßengebäudes wurden kurze Texte erwogen.
Bei der BStU wurde ein Forschungsantrag zur Geschichte des Hafthauses in der DDR-Zeit gestellt.

2014
Die für den 25.Oktober geplante Eröffnung des Gedenkortes konnte nicht stattfinden, da die Betriebskosten (inzwischen zwar reduziert) nach wie vor nicht aufgebracht werden konnten und so keine Nutzungsvereinbarung möglich war.
Dennoch wurde dieser Tag für die Enthüllung der Stelen genutzt, deren Finanzierung durch eine Zuwendung der Landesbeauftragten sowie Spenden möglich wurde. Die Gestaltung der Blindfenster des Straßengebäudes konnte nicht realisiert werden.
Auch wurde der 25. Oktober zusammen mit der Stadt Neustrelitz und den Kirchgemeinden durch eine Festveranstaltung in der Stadtkirche feierlich begangen. Der ehemalige Stasi-Häftling Eckehard Hübener hielt die Festrede. Im Gebäude des Amtsgerichtes wurde durch den Verein eine Ausstellung gezeigt und das Schülerprojekt präsentiert (etwa 200 Besucher).

2015
Durch einen Formfehler verlor der Verein die Gemeinnützigkeit und damit seine Handlungsfähigkeit. Die Satzung wird erneut beschlossen und die Eintragung beim Amtsgericht veranlasst.
Der für die Forschungsarbeit bei der BStU zuständige Mitarbeiter gab einen Zwischenbericht. Die Arbeit soll 2016 abgeschlossen sein.
Die geplante Eröffnung des Gedenkortes (6. Dezember 2015 – Jahrestag der Besetzung der Stasi in Neustrelitz) konnte erneut nicht stattfinden. Es fehlte immer noch das Geld für  die Betriebskosten.

3. Die Eröffnung und Gestaltung des Erinnerungsortes

2016
Der Verein erlangt die Gemeinnützigkeit wieder.

Durch Teilnahme am Projekt „Demokratie leben“ erhält der Verein erstmals Finanzsicherheit bis zum 31.12.2016. Für diesen Zeitraum wurde eine Nutzungsvereinbarung für den Zellentrakt im 2. Obergeschoss des Hafthauses mit dem Betrieb für Bau und Liegenschaften MV geschlossen.

Ein Raumkonzept für Zellen, Versammlungs- und Vorführraum wurde erstellt. Mit dem Neustrelitzer Kulturquartier wurde eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen.

Eröffnung des Erinnerungsortes am 11. September 2016. Gezeigt wurden eine Ausstellung  zur Arbeit der Staatssicherheit, eine Wandzeitung „Flucht aus der DDR“ sowie Schülerarbeiten unterschiedlicher Projekte der letzten Jahre. Über 200 Besucher strömten in die Räumlichkeiten, so dass am 3.Oktober.2016 ein weiterer Öffnungstermin anberaumt werden musste. Wiederum kamen mehr als 100 Besucher. Der Verein gewann zehn neue Mitglieder. Vier ehemalige Häftlinge gaben sich zu erkennen.
Am 3.11.2016 fand ein Workshop zur Weiterarbeit des Vereins statt. Im Ergebnis der Veranstaltung (Kooperationen mit BStU, Spenden, Zuwendungen) konnte der Nutzungsvertrag bis zum 31.12.2017 verlängert werden.

2017
Der Flyer und der Internetauftritt des Vereins wurden mithilfe einer finanziellen Förderung durch die Ehrenamtsstiftung M-V überarbeitet.

Die Mitgliederversammlung beschließt – auf der Grundlage der Vereinskonzeption – den Arbeitsbeginn  an zwei Projekten: Zeitzeugenforschung und bauliche Nutzungsgeschichte des Hafthauses. Dazu werden zwei Arbeitsgruppen gebildet.

Durch das Kulturquartier erfolgen ab April regelmäßig monatliche Führungen.